Einleitung
Der vielleicht
wichtigste Gegenstand, den es zu erörtern gilt, ist der Gegenstand »Mensch«.
Denn solange die Wirklichkeit des Menschen schleierhaft bleibt und seine
existentiellen Dimensionen, sein Anfang und sein Ende sowie die
Philosophie seines Daseins in der Welt unerkannt sind, vermag dieser
nicht im Einklang mit seiner Erschaffung zu positionieren.
Ergo muss jeder wissen, woher er kommt, wo er
ist und wohin er geht.
Unter der Überschrift
»Der Vollkommene Mensch« wollen wir einerseits ein klares Bild von der
Wirklichkeit des vollkommenen Menschen gewinnen und andererseits
diejenigen Wege aufzeigen, die zu gehen sind, will man zu dieser
Vollkommenheit hingelangen.
Methodisch gesehen,
werden wir dabei auch von den verschiedenen religiösen Quellen gebrauch
machen und die Äußerungen der Experten unter den Gnostikern und
Philosophen berücksichtigen, deren Äußerungen in den dies betreffenden
Fragen maßgeblich sind.
Im Anfang
konzentrieren wir uns auf die Aussagen des Gnostikers und Mystikers und
großen Lehrmeisters (ap-Payv al-Akbar) ibn Arabiyy.
Die
Schöpfungsgeschichte des Menschen, wie sie im Qur’an steht:
„Und als dein Herr
zu den Engeln sprach: „Wahrlich, Ich werde auf der Erde einen Nachfolger
einsetzen“, sagten sie: „Willst Du auf ihr jemanden einsetzen, der auf
ihr Unheil anrichtet und Blut vergießt, wo wir doch Dein Lob preisen und
Deine Herrlichkeit rühmen?“ Er sagte: „Wahrlich, Ich weiß, was ihr nicht wisst.“
Es ist schwer für uns,
alle Wahrheiten zu verstehen, die Gott über den Menschen weiß, denn wir
wissen sie nicht. Zwei Punkte sind jedoch klar:
(1) Der Mensch ist eine andere Wirklichkeit, als
die, die sich die Engel vorgestellt haben.
(2) Er trägt eine Botschaft, die über das Preisen des Lobes hinausgeht,
eine Botschaft, die das Lobpreisen und Heiligen der anderen Geschöpfe
überragt.
Vielleicht ist der Hauptgrund dafür, dass Gott
den Engeln die Niederwerfung vor dem Menschen gebot, kein anderer als
dieser ist.
Der Hauptgrund ist diese Botschaft, die der
Mensch trägt und die nicht im Lobpreisen und Heiligen besteht, sondern
darin, den Menschen auf eine erhabene Stufe zu bringen, die ihn heilig,
gelobt und gepriesen macht. Die Rede ist von der hohen Stufe der
Begegnung mit Gott (Liqa’u-llah), ja, der Endwerdung in Gott (Fana’
Fi-llah).
Doch vergessen wir nicht: So wie der Mensch
imstande ist, zu dieser Stufe hinzugelangen, so ist er auch dazu
imstande, auf niederste der niederen Stufen hinunter zu sinken und hinab
zu fallen. Und meiner Ansicht nach, ist das der zweite Grund dafür, dass
Gott die Niederwerfung vor Adam gebot und weshalb auch der Iblis mit
diesem Befehl geprüft wurde. Denn der Mensch ist in beide Richtungen
fähig. In die Richtung des Aufstiegs genauso, wie in der Richtung des
Abstieges. Er vermag höher zu gelangen, als Gottes Engel und tiefer zu
Sinken als der Teufel. Darum ist er sozusagen in einem Stück fähiger, als
die Engel und fähiger als der Satan.
Mit Einsicht der Verse des Qur’an und der
Traditionen die vom Propheten Mohammed übermittelt worden sind, gelangt
man zu dem Ergebnis, dass es das Ziel der Schöpfung des Menschen war,
diesen zur letzten Vollkommenheit, bzw. zum absolut Vollkommenen, also
zum absolut erhabenen Gott zu überführen.
Eventuell trägt das, was ibn al-Arabiyy
aus dem Sahih Muslim überliefert, genau diese Bedeutung. Der besagten
Überlieferung nach, sagte der Prophet:
إنَّ
اللهَ خَلقَ
آدَمَ على
صورَتِهِ.
„Wahrlich, Gott erschuf Adam nach Seinem Bild.“
Über den Sinn dieses Hadit werden zwei Aussagen
übermittelt:
(1) Das Pronomen bezieht sich auf Adam. Das
heißt, dass Gott den Mensch in der Gestalt Adams erschuf.
(2) Das Pronomen bezieht sich auf Gott. Das
heißt dann, dass Gott den Menschen nach einer göttlichen Wirklichkeit
erschuf. Mit ›Gestalt‹ ist hier also nicht der äußere Sinn gemeint,
sondern lediglich die Wirklichkeit und der Genus.
Wir müssen jedoch stärker über den Sinn dieses
Hadit nachdenken, denn er spricht von einer tiefen Wahrheit. Er spricht
davon, dass der Mensch die göttlichen Eigenschaften besitzt. Er ist im
Besitz der Qualifikationen die ihm das Vermögen verleihen Gottes
Statthalter (Kalif), zu sein. Diese Botschaft wird dann verwirklicht,
wenn der Mensch sich in Richtung der Vollkommenheit und des Vollkommenen
geht, der Gott ist. Und wenn er diesen Rang erreicht, dann zeichnet er
sich durch die Eigenschaften des Vollkommenen aus. Wenn er dann will,
will er durch den göttlichen Willen und wenn er hört, dann hört er
göttlich usw.
Der vollkommene Mensch ist nicht nur das finale
Ziel der Schöpfung, er ist die Kausalität der Schöpfung.
Der vollkommene Mensch ist eine Spiegelung der
göttlichen Wirklichkeit und stellt den Gegenstand dar, an dem sich die
Wahrheit manifestiert.
Wer also den
erhabenen Gott erkennen möchte, der muss den vollkommenen Menschen
erkennen. Ibn al-Arabiyy
sagt in diesem Zusammenhang: ≫Keiner erkennt den Wert der Wahrheit, außer wer
den vollkommenen Menschen erkennt, den Gott in Seiner Gestalt erschaffen
hat.≪
Vergehen und Fortbestehen
Vergehen ist jedem von uns verhasst, während
Fortbestehen jedem lieb ist. Kein einziges Individuum der Menschen liebt
das Vergehen, das Erlöschen und die Vernichtung. Umgekehrt möchte der
Mensch stets und unentwegt fortdauern und weiterexistieren. Der Mensch liebt die Ewigkeit.
In dieser Phase der Untersuchung möchte ich
verdeutlichen, wann und wie es dem Menschen möglich ist, sich in ein
ewiges und unvergängliches Seiendes zu verwandeln. Die Verse des heiligen
Qur’an weisen uns einen Ausweg aus dieser geistigen Krise.
Gott sagt:
„Die,
die wenn sie ein Unglück trifft sagen: „Wahrlich, wir gehören Gott und
wahrlich, wir (alle) sind zu Ihm Zurückkehrende.“
Gott sagt:
„Und
wenn Ich ihn vollendet und von Meinem Geist in ihn geblasen habe, so
kniet vor ihm, als Niedergefallene.“
Wenn ich diesen Versen eine deutliche
Übersetzung geben wollte, würde ich sagen, sie bedeuten: ›Wir kommen aus
der Ewigkeit und gehen in die Ewigkeit.‹
Folglich besitzt der Mensch eine Wirklichkeit,
die unvergänglich ist. Er hat sich von ihr gelöst und wurde um sie
betrogen.
Der vollkommene Mensch jedoch, vergeht nicht. Der
Mensch, der mit dem Ewigen verbunden ist, vergeht nicht, sondern wird
ewig.
Bester Maßstab für das Fortdauern und das
Vergehen des Menschen ist darum sein Verhältnis zur Quelle des
Fortdauerns, sein Verhältnis zu Gott. Denn Dieser ist, nicht bloß der
Ewige, sondern auch der Schöpfer der Ewigkeit und der Fortdauer. Dieser
Maßstab wird auch im heiligen Qur’an explizit erwähnt. Gott sagt:
„Was
bei euch ist vergeht und was bei Gott ist, ist bleibend. Und Wir werden
ganz gewiss die für das beste von dem was sie zu tun pflegten belohnen,
die standhaft waren.“
Betrachtet deshalb das Leben das ihr lebt. Wenn
es durchdrungen ist von dem, was bei Gott ist, dann seid nicht traurig
und fürchtet euch nicht. Denn ihr seid die Ewigen. Wenn es jedoch mit dem
durchdrungen ist, was vergeht, dann besteht kein Zweifel daran, dass die
Karawane eures Daseins in Richtung des Vergehens und des Erlöschens
marschiert.
Ein solcher Mensch muss sich ändern. Denn er ist zu weit entfernt von dem
was ewig ist, zu weit entfern vom ewigen Gott. Er muss die Substanz
seines Lebens verändern und Gott in der überlieferten Weise anrufen:
„O Wandler der Zustände! Wandle unseren Zustand
zum Besten."
Durch diese Anrufung wird es dem Menschen
möglich den Untergehenden zu entkommen und seinen Platz unter den
Ewiglebenden einzunehmen.
Wer also ewig werden will, der muss die Art und
Weise seiner Taten im Auge behalten. Die Taten nämlich, wie sie ihrer
Substanz und ihrem Kern nach sind, zerfallen in zwei Kategorien:
(1) dynamische Taten, die ihre Lebenskraft aus
dem „Sein“ entnehmen.
(2) destruktive Taten, die in der Leere entwerden.
Entsprechend dem Charakter seiner Taten,
entscheidet sich die Persönlichkeit des Menschen bestimmt, und damit auch
sein Schicksal, ob zum Vergehen oder zum ewigen Leben.
Folgendes Schaubild soll das Verhältnis zwischen
dem dynamischen Leben und dem phlegmatischen Leben; und die Auswirkung
der Taten auf Nähe oder Entferntheit von Gott veranschaulichen.
Schaubild Nr. 1

(1) Das wahre Leben (100 % existentielle Taten)
(2) 80 % existentielle Taten
(3) 60 % existentielle Taten
(4) 40 % existentielle Taten
(5) 20 % existentielle Tasten
(6) 00 % existentielle Taten < Nicht-Sein und Vergehen.
(7) 00 % existentielle Taten
Die Gier, der Neid, die Hartnäckigkeit, Feindseligkeit, Unrecht,
Heuchelei, Feigheit, animalische Triebe, Unheil usw. alle diese Dinge
gehören zu den destruktiven Taten. Sie führen den, dem sie eigen sind ins
Nichts.
Dem gegenüber stehen Brüderlichkeit,
Freundschaft, Liebe, Mut, Gerechtigkeit, Mannesstolz, Ehre, Großmut,
Barmherzigkeit und alle anderen Tugenden. Sie alle sind von der Art des
Lebens und des Seins.
Durch das Erbringen existentieller Taten erlangt
der Mensch mehr und mehr göttliche Eigenschaften.
Wer darum seine Wirklichkeit bewahrt, gegen den Verderb seiner Seele vorgeht
und die seine Bindung und sein Verhältnis zu seinem Herrn aufrecht erhält
und verstärkt, wird in keiner Weise von Vergehen und Erlöschen berührt
werden.
Der Weg dem Vergehen zu entkommen ist kein
anderer, als das Vergehen in Gott.1 Es ist die Erlösung von dem, was
vergeht, und die Verbindung mit der Substanz des Lebens: Vom Ewigen zum
Ewigen.
Ibn Arabiyy sagt:
»Die gesamte Welt trat aus dem Nichtsein in das
Dasein. Ausgenommen ist einzig der vollkommene Mensch. Denn dieser
erscheint aus dem Dasein ins Dasein. […] Der Abstand zwischen dem
Menschen und der Welt ist deshalb so groß, wie der zwischen dem Dasein
und dem Nichtsein. Aus diesem Grunde gibt es nichts in der Welt, was dem
Menschen gleicht«
Die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen ist
eine ganz andere, als die zwischen Gott und der Welt. Denn Gott erschuf,
die Welt aus dem Nichts, dem Nichtsein. Den Menschen aber, erschuf Er aus
dem Dasein und machte ihn zu Seinem eigenen Statthalter (Khalifa) im
Diesseits.
Vollkommenheit
Viele Studenten, Dozenten und Forscher stellen sich die Frage welche
Bedeutung des Begriffs ›Vollkommenheit‹ bei den Gnostikern (al-Urfa´)
ursprünglich gemeint ist. Um diese ursprünglich gemeinte Bedeutung
deutlich zu machen, sind einige Punkte anzuführen:
(1) Der Anschauung der Gnostiker nach, würde die
Welt ohne den vollkommenen Menschen nicht erschaffen werden. Der
vollkommene Mensch ist der Geist der Welt, er ist ihre Philosophie, ihre
Ursache und ihr finales Ziel. Um diese Anschauung auch auf religiösem
Wege beweisen zu können, führen die Urafa´ eine Anzahl Stellen aus dem
Qurán und der Tradition an, die dieselbe Frage zum Gegenstand haben. An
dieser Stelle kurz einige solche Stellen:
In einer heiligen Tradition sagt Gott: Wenn du nicht gewesen wärest, wenn
du nicht gewesen wärest, Ich hätte die Gestirne nicht geschaffen.
O Mensch! Ich erschuf die Dinge deinetwegen. Und
dich erschuf Ich Meinetwegen.
Ich ward ein verborgener Schatz und wollte
erkannt werden. So schuf Ich die Schöpfung um erkannt zu werden.
O Muhammad, bei Meiner Glorie und Meiner
Erhabenheit, wärest du nicht gewesen, Ich hätte Adam nicht erschaffen.
Er (der Prophet) sagte: O Aliyy,
wären wir nicht gewesen, Gott hätte weder Adam, noch Eva, noch das
Paradies, noch das Feuer, noch den Himmel, noch die Erde erschaffen."
(2) Der Einzige, der
zum Erlangen der wahrhaft wirklichen Erkenntnis vom erhabenen Gott fahig
ist, ist der Mensch, der nach dieser Erkenntnis strebt und durch sie
vollkommen wird.
Wer also erkennender ist,
der ist vollkommener. Und mit Vollkommenheit ist bei den Gnostikern
nichts anderes als eben die Umsetzung dieser Vollkommenheit der
Erkenntnis gemeint. Die Vollkommenheit von der sie sprechen ist stets die
Vollkommenheit der Erkenntnis im Hinblick auf Gott. Es gibt da namlich
eine direkte Beziehung zwischen Starke oder der Schwache der
Vollkommenheit und Starke oder Schwache der Gotteserkenntnis, weshalb ist
Vollkommenheit, durch nicht anders, als die Gotteserkenntnis zu erlangen.
Auch das lasst sich durch
religiose Zeugnisse belegen.
In der Uberlieferung heist es:
مَع
ْرفة
النَّفسِ
أنفَعُ
المَعارِف
„Die Selbsterkenntnis ist die nützlichste der
Erkenntnisse.“
Und der Prophet Muhammad sagte:
„Wer sich selbst erkennt, der erkennt seinen
Herrn.“
„Gepriesen seiest Du! Wir haben Dich nicht
aufrichtig erkannt.“
Er sagte auch:
„O Du, Der außer Dir niemand weiß, was Du bist.“
Und Imam Aliyy sagte:
„Wem seine Seele wertvoll ist, dem sind seine Begierden
wertlos“
Und in seinem
Vermächtnis an Kumayl ibn Ziyad sagte Imam Aliyy:
„Es gibt kein
Bewegungsakt, für den du nicht eine Erkenntnis brauchtest.“
Die oben genannte
Erkenntnis gilt ausschließlich für den Menschen. Warum? Weil zwischen dem
erkennenden Subjekt und dem erkannten Objekt eine Art Harmonie bestehen
muss. Eine solche Harmonie existiert jedoch nur beim Menschen, der in der
Gestalt Gottes geschaffen worden ist. Das Erlangen einer göttlichen
Gestalt ist Bedingung für das Erlangen wahrer Erkenntnis von der
Wahrheit.
Gott ist absolutes
Sein. Und der Mensch, der aus dem Sein erschaffen wurde und wahre
Erkenntnis anstrebt, hat um dieses Ziel zu erreichen keine andere
Möglichkeit, als sich der Ursubstanz anzunähern, die das offenbarste und
vollständigste Kriterium der Existenz darstellt. Er muss, will er dieses
Ziel erreichen, seine Seele von der Nähe zum Nichtsein läutern. Und diese
Nähe zum Nichtsein liegt in den Taten, die von der Art des Nichtseins und
der Vernichtung sind. Denn, je existentieller ein Mensch wird, desto
größer wird seine Fähigkeit das Absolute zu verstehen und zu begreifen.
Je existentieller ein Mensch wird, umso vollkommener wird er und umso
näher kommt er der Vollkommenheit entgegen.
Der Prophet sagte:
„Von den Männern
sind viele vollkommen geworden. Von den Frauen keine, außer vier: Maria,
die Tochter von Imran, Asiya, die Tochter Muzahims, die Frau des Pharao, Khadija, die Tochter
Khuwayled und Fatima, die Tochter von Muhammad“
Ibn al-Arabiyy
sagt in seiner Erklarung zu dieser Uberlieferung:
»Mit ihrer
Vollkommenheit meint der Prophet hier, ihre Erkenntnis von sich selbst,
was identisch mit ihrer Erkenntnis von ihrem Herrn ist. Wer die
Wirklichkeiten deshalb durch Enthüllung und göttliche Definition erfährt,
der ist der vollkommenste Vollkommene. Wer unter dieser Stufe reicht, der
ist der Vollkommene. Und wer noch darunter reicht, der ist der Gläubige,
oder der Besitzer rationaler Betrachtung, die mit der Vollkommenheit,
nichts zu tun hat. «
(3) Der Mensch, der
der Vollkommenheit beraubt bleibt, wird als der tierische Mensch
bezeichnet.
Ibn Arabiyy
spricht von einer vermehrten Vielzahl der Schöpfungsstufen. Er zweifelt
jedoch nicht daran, dass der Mensch ganz oben auf dieser Schöpfungsleiter
steht. Was aber sagt er über die Stufe des Tiermenschen? Er sagt: »Der
Tiermensch ist ein Teil des vollkommenen Menschen. «
Der Tiermensch nämlich, besitzt die Gabe sich in den vollkommenen
Menschen zu verwandeln Und diese Gabe ist es, diese Qualifikation
sozusagen, die dem Menschen eine ganz besondere Stellung in der Welt
einräumt. Denn der Mensch ist der einzige, der diese Qualifikation
besitzt. Natürlich ist diese Gabe per se noch lange keine Ehre für den
Menschen, nichts worauf er stolz sein könnte, solange jedenfalls, er
diese Qualifikation noch nicht bewiesen und umgesetzt hat. Das Feststehen
dieser Qualifikation allein ist längst nicht ausreichend, nein wir müssen
die Symbole, die Geheimnisse sowie die Tatsächlichkeit dieser
Qualifikation erst erkennen.
Du musst wissen, dass
du als Mensch ein Vulkan der Stärke bist, ein Vulkan der Schönheit, ein
Vulkan der Lust, ein Vulkan der Liebe, des Zornes und der Hoffnung und
auch der Verzweiflung, des Erfolges, der Niederlage und schließlich ein
Vulkan von allem, wovon deine Voll- oder Unvollkommenheit abhängt. Das
bedeutet, dass der Mensch der einzige ist, der die Art und Weise seines
Lebens und seiner Wiederkehr, seines Dies- und Jenseits selbst bestimmen
kann.
Die Vollkommenheit
des Menschen wird durch die freie Entscheidung so oder so zu handeln
erlangt. Und dies vollzieht sich im Rahmen der Ideen, der Ethiken und des
frei gewählten Verhaltens, die ihn zur Vollkommenheit führen. Genauso
eben, wie auch seine Dekadenz von eben diesen genannten Gesetzen abhängig
ist.
An dieser Stelle,
genau hier, tritt der ›Sinn‹ ins Leben, der nach Ansicht der Gelehrten,
Gnostiker und Philosophen nichts anderes ist, als die Vollkommenheit
selbst. Die Rolle des Sinnes im Leben, der Bedeutung, ist wie das Benzin
für das Automobil. Je besser die Qualität des Benzins desto besser für
das Auto, desto besser arbeitet das Auto und desto mehr ist es von
Nutzen.
Folglich müssen wir
in uns kehren und das Bild, welches wir vom menschlichen Leben haben
betrachten. Oftmals muss dieses Bild korrigiert oder gänzlich erneuert
werden. Denn die Reinheit der Bedeutung und des Sinnes vom Leben ist der
einzige Garant für die Vollkommenheit des Menschen.
Nachdem nun ein
oberflächliches Bild vom Begriff der Vollkommenheit und vom vollkommenen
Menschen erreicht sein dürfte, wollen wir uns nun mehr dem greifbaren
Bild des vollkommenen Menschen nähren. Mit anderen Worten, wir wollen ein
greifbareres und zugleich deutlicheres Bild von der Vollkommenheit
gewinnen. Um dies jedoch zu erreichen braucht man:
a) einen inhaltlichen
Maßstab
b) einen praktischen
Maßstab
Der Maßstab für die
Vollkommenheit, ist nur Gott, der Vollkommenste der Vollkommenen und
Schöpfer der Vollkommenheit.
Die direkte
Verbindung mit diesem Maßstab (Waage) aber, dürfte nicht jedem einfach
erreichbar sein. Wie ist das zu verstehen?
Nun, hier können wir
zumindest den Tiefgrund für die Herabsendung des heiligen Qur’an und die
Entsendung der Propheten verstehen. Der Qur’an ist der Beweis für die
Vollkommenheit, während der Prophet ein greifbarer Prüfstein dieser Waage
ist.
Wer in Richtung der
Vollkommenheit schreiten will, der muss sich mit ihren Feinheiten,
Symbolen, Etiketten, Künsten und Phasen vertraut machen. Diese kommen
alle im heiligen Qur’an vor. Denn er ist:
Erklärung jeder Sache
und eine Rechtleitung, und Barmherzigkeit und Frohbotschaft für die
Ergebenen.
Wobei hier unter „allen
Dingen“ nicht das zu verstehen ist, was wir selbst von den Dingen
erkennen können, und was uns Gott nicht erst aufdecken muss. Vielmehr ist
alles das gemeint, wovon die Vollkommenheit des Menschen abhängt, und was
dieser, ohne das Aufdecken durch Gott nicht hätte wissen können. Das
also, was tatsächlich nur in der göttlichen Schule erlernt werden kann.
Das bedeutet, dass sich das, was wir in der Schule des Qur’an erfahren,
in seiner Art wesentlich von dem unterscheidet, was wir anderswo lernen.
Der Qur’an drückt das mit den Worten aus:
„Und Er lehrte
dich, was du nicht wissen konntest.“
In der Regel genügt
dem Menschen, das was er in einer Schule erlernt, um ein Leben mit wenig
Sorgen zu leben. In der Qur’anschule lernt er aber das, was zu dem führt,
was beständiger ist, als alles andere. Der Qur’an ist dem Menschen
Wegweiser zu seinem Ursprung und seiner Wirklichkeit, die in der Gestalt
der erhabenen und gepriesenen Wahrheit erschaffen wurde.
Ibn Arabiyy
sagt: »Alles außer dem Menschen ist Geschöpf; der Mensch jedoch ist
Geschöpf und Wahrheit«
Er bleibt ein Geschöpf wie alle anderen Geschöpfe, solange er seine
Wirklichkeit nicht entdeckt hat. Gelangt er aber zu dieser Erkenntnis und
Rechtleitung, dann ist er Geschöpf und Wahrheit in Einem.
Wenn wir also diese
Wirklichkeiten selber nicht erlangen, dann können wir den, der behauptet:
„Ich bin die Wahrheit“ nicht verstehen.
Gott hat den Qur’an
zum Weg zur Vollkommenheit und zur Rechtleitung zu Gott gemacht und Er
hat den Propheten unter uns erweckt, damit wir uns an seinem praktischen
Beispiel ein Vorbild nehmen können. Der Qur’an ist deshalb die
inhaltliche, die theoretische Waage und der Prophet die praktische.
Das ist der Weg der
Vollkommenheit. Wer will der glaube und wer will, der verweigere zu
glauben.
Das erste, der Qur’an
ist das Wort und das zweite, der Prophet ist die Übersetzung des Wortes
in die Praxis.
Du und ich, wir
besitzen alles, was nötig ist, die Vollkommenheit zu erreichen, nur
müssen wir sie erst erkennen. Der bekannte Dichter Abu Nawwas sagte:
أوجده
الله فما
مثله
لطالب ذاك
ولا ناشدِ
وما
على الله
لمستنكرٌ أنْ
يجمع العالم
في واحدٍ
Gott erschuf ihn
Indes gleicht ihm
kein Strebender
Und gewiss keiner
kann es Gott absprechen,
dass Er die ganze
Welt in einem vereint.
Und ibn Arabiyy
sagt: ≫Der vollkommene Mensch ist ein einziger, der an die
Stelle einer Gemeinschaft tritt. So ist er sogar vollkommener, als die ganze Welt, da
er eine buchstäbliche Kopie von ihr ist;
„Und Wir werden ihnen unsere Zeichen
zeigen, in den Weiten und in ihren Seelen.“
Und mehr noch, da er eine Wirklichkeit ist, die
kein Verlorengehen erlaubt;
خلق الله
آدم على
صورته
„Gott erschuf Adam nach Seiner Gestalt.“
Weshalb der
vollkommene die Gestalt der Welt und die Gestalt der Wahrheit erlangt und
sich durch die Einigung auszeichnet, wobei die Wahrheit den vollkommenen
Menschen zu einer Kopie der ganzen Welt machte, weshalb es keine
Wirklichkeit in der Welt gibt, die sich nicht auch im Menschen spiegelt,
der das einende Wort und das edle Kompendium ist. ≪
Der vollkommene Mensch ist darum größeres
Erbarmen als jede Schöpfung; er ist der Schatten Gottes auf seiner Erde.
Der vollkommene Mensch ist der Beweis für Gott!
Ibn al-Arabiyy ist überzeugt,
dass der vollkommene Mensch der Träger des göttlichen Geheimnisses ist,
das in dem Wortlaut ≫Kun≪
[„Sei!“] zum Ausdruck gebracht
wird. Er selbst beruft sich dabei auf ein Wort Gottes und nicht das
Seines Propheten. Diese Stelle, die er da zitiert besagt, dass Gott das
›Sei! ‹ einem Geschöpf verleiht, was ibn Arabiyy ganz speziell für den
Menschen vermutet.
Die Stellung des
Menschen in der Welt sei eine ganz gewaltige Stellung, wobei ibn Arabiyy
so weit geht zu behaupten, dass Gott den Menschen als Beweis für Sich
Selbst eingesetzt hat und zwar für den, der Ihn durch die Intuition und
nicht mittels der Überlegungen erkennen will. Denn letztere Möglichkeit
besteht im Erschauen der Zeichen in den Dimensionen (al-Afaq), die in der
Rede Gottes vorkommt. Gott sagt:
„Und Wir werden ihnen unsere Zeichen zeigen, in
den Weiten und in ihren Seelen.“
Alle Dinge, die
irgendwie eine produktive und aktive Rolle in der Seinsgebung, der
Verwirklichung und der Bewirkung sowie der Vollziehung spielen,
manifestieren sich – auf irgendeiner Seinsstufe – ausnahmslos im Dasein
des vollkommenen Menschen. Der wiederum wird so zur Quelle von allem, was
vom ›Khalifa-tu-llah‹ das heißt, dem Statthalter Gottes zu erwarten ist.
Er – der vollkommene Mensch – wird so, zur Quelle jeder Veränderung,
jeder Reform, alles Guten, jeder Fortentwicklung und jeder
Vollkommenheit.
Es sei hier betont,
dass das Tor zu Vollkommenwerdung für den Mensch immer offen steht, auch
wenn das Hingelangen zu einer solchen Stufe der Reife enorme Bemühungen,
schone Geduld und feste Entschlossenheit erfordert. Wenn er aber zu
diesem Ziel gelangt, dann verbündet sich der vollkommene Mensch mit dem Ewigen,
der auch ihn ewig werden lässt.
Es bestehe, so die
Gnostiker und Mystiker, eben ein gewaltiger Unterschied, zwischen dem
vollkommenen Menschen, der durch die Ewigkeit Gottes ewig werde und dem
Menschen, der – im Paradies etwa – durch das Ewigseinlassen Gottes ewig
werde.
Der Zweite ringt
darum sich selbst zu beweisen und sich seine Ewigkeit, sein ewiges Leben
zu sichern. Der Erste aber, ist schon bewiesen. Er ist vielmehr ein
Beweis (etwas anderes) zu Beweisen.
Man soll die
Potentiale, die uns Gott geschenkt hat ausschöpfen. Diese potentiellen Möglichkeiten
sind ausreichend uns zu unserem Ziel zu bringen; jene hohe und
vollkommene Stufe des Seins, die dem Menschen einen lebendigen Blick auf
das Leben von seinem Anfang bis zu seinem Ende verleiht; nichts anderes
verleiht sie ihm, als Lebendigkeit, Freude, Erquickung, Dank, Nächstenliebe
und Hilfsbereitschaft.
Das Leben besitzt einen deutlichen Anfang und
ein beruhigendes Ende.
Das Leben besitzt seine materielle und
spirituelle Lebendigkeit.
Das Leben, das dem Menschen würdig ist, sichert
seine materiellen und spirituellen Bedürfnisse.
Das Leben ist Leben, wenn das Diesseits für das
Jenseits und das Jenseits durch das Diesseits kultiviert wird.
Das Leben besitzt einen Begriff und eine
Bedeutung.
Das Leben besitzt ein Ziel und ein Programm.
Das Leben ist Leben, wenn alles an seinem
rechten Platz ist.
Das Leben ist Leben, wenn sein Verlust Erlösung
und sein Vorhandensein Verantwortung bedeutet.
Ibn al-Arabiyy ist überzeugt,
dass der vollkommene Mensch der Stutzpfeiler des Himmels sei, durch den
Gott Himmel davor bewahrt auf die Erde zu fallen. Denn sonst träfe das
ein, was wir im Qur´an wiederfinden:
Und der Himmel spaltet sich und ist an jenem Tag
brüchig.
Und haltet allesamt fest am Tau Gottes und teilt
euch nicht!
Was bedeuten soll:
„Und haltet allesamt fest am vollkommenen Menschen; haltet allesamt fest
am Propheten!“
Ich mochte hier auf
einen wichtigen Punkt hinweisen, der uns dazu verhelfen kann, ein
glückliches Leben zu führen. Dieser Punkt ist die Notwendigkeit sich an
einen Menschen, der gewisse Stufen der Vollkommenheit besitzt zu
orientieren. Er motiviert und begeistert dich für die Vollkommenheit, er
fuhrt dich zu ihr, wahrend dich der Unvollkommene von ihr abbringt und
von ihr zurückhält.