Ein Grundelement einer jeden sozialen Beziehung zwischen Individuen und Menschengruppen
ist die Kommunikation, die nicht nur Voraussetzung für die Sozialisation und
Persönlichkeitsentfaltung jedes Einzelnen ist, sondern auch für das Entstehen und den
Verlauf jeglichen sozialen Geschehens allgemein und im weitesten Sinne der Übermittlung
und Vermittlung von Informationen dient. Ein Dialog ist nichts anderes als ein
dialektisches Gespräch, in dem mittels Rede und Gegenrede Themen, Streitfragen, Probleme,
Anschauungen usw. dargelegt, veranschaulicht und mittels logischer Beweisführung, in der
oftmals gegensätzliche und widersprüchliche Aussagen in Beziehung gesetzt werden müssen,
Einsichten gebildet werden. Im sokratischen Sinne stellt der Dialog somit die Kunst der
Unterredung zur Klärung von Begriffen dar, im platonischen Sinne ist er höchste
Wissenschaft zur Erkenntnis von Ideen.
In einem solchen Gedanken- und Meinungsaustausch sind alle Menschen
eingeladen, sich in einer sachlichen und objektiven Atmosphäre auszutauschen; in diesem
Sinne ist ein Dialog nur dann konstruktiv und erfolgreich, wenn sich keine Seite im
Besitz der absoluten und endgültigen Wahrheit weiß, sondern die Dialogpartner jederzeit
bereit sind, ihre Ansichten und Kenntnisse auf den Prüfstand zu stellen und vom Wissen
und den Erkenntnissen des jeweils anderen zu profitieren und somit zu neuen Einsichten
zu gelangen. Unabdingbare Voraussetzungen für einen konstruktiven und erfolgreichen
Dialog sind somit fachliche Kompetenz und Sachverstand und auch die Bereitschaft und der
Mut seitens der Dialogpartner, ihre Ansichten einzubringen und somit der Kritik
auszusetzen, was letztlich die eigenen Gedanken erweitern, korrigieren und vertiefen
hilft.
Wir haben unsere Zeitschrift "Dialog" genannt, weil wir damit die Hoffnung
auf ein Forum von gänzlich unterschiedlichen Gedanken, Meinungen und
geisteswissenschaftlichen Theorien und einen sachlichen, objektiven und konstruktiven
Gedankenaustausch verbinden. Auch in dieser Epoche teilt der Mensch mit seinen Vorfahren
das Verlangen nach der Erkenntnis der letzten Wahrheit, und Sinn eines jeden dialoghaften
Gespräches ist es, dass auf der Grundlage von Freiheit und Gerechtigkeit jeder
Dialogpartner dazu beiträgt, dieser letzten Wahrheit ein Stück näherzukommen und sie
herauszukristallisieren. Selbstverständlich gilt dieses Prinzip auch bei der Erörterung
und Diskussion religiöser Ideen, wie der Heilige Qur'an in verschiedenen Versen
verdeutlicht:
"Die auf das Wort hören und dem Besten von ihm folgen. Sie sind es, denen Gott den Weg
gewiesen hat, und sie sind es, die mit Verstand begabt sind."
(Sure az-Zumar, Vers 18).
"Und streitet nicht mit dem Volk der Schrift, es sei denn auf die beste Art und Weise…"
(Sure al-'Ankabut, Vers 46).
"Es gibt keinen Zwang im Glauben..."
(Sure al-Baqara, Vers 256).
Damit wird deutlich, dass religiöser Glaube eine freie, auf der Vernunft
basierende Entscheidung des Menschen ist, und diese Entscheidung wird mit neu erworbenen
Erkenntnissen immer wieder überprüft, so dass das Streben nach Wissen und Lernen ebenso
wie der Meinungs- und Gedankenaustausch mit anderen ein lebenslanges Unterfangen ist, das
Hafiz mit folgenden Worten beschreibt: "Das Zwiegespräch zwischen mir und meinem
Geliebten hat keine Ende, und was keinen Anfang hat, wird auch kein Ende finden."
Das Bild vom Islam ist in den okzidentalen Kulturen und Gesellschaften
negativ besetzt und folglich der Dialog mit dem Islam belastet. Gerade deshalb muss der
Dialog da verstärkt geführt werden, wo Unvereinbarkeiten sichtbar sind, denn nur im
direkten Gespräch, im direkten Austausch der Meinungen und Gedanken können Vorurteile
überwunden und Gemeinsamkeiten erkannt werden. Hier liegt die besondere Aufgabe der
Intellektuellen, nämlich eine Synthese der positiven Elemente der unterschiedlichen
Denkrichtungen in Form einer globalen Ethik zu schaffen, die der Menschheit insgesamt
von Nutzen sein kann. In diesem Sinne laden wir alle Denker und Gelehrte ein, mit
informativen und konstruktiven Beiträgen diese Zeitschrift zu einem aktuellen,
lebendigen und von Meinungsvielfalt geprägten Forum - von allen und für alle - zu
machen.
Institut für Human- und Islamwissenschaften